Text und Fotografien im Buch «Jean Tinguely in Basel»:
Begegnung mit Jim Whiting · 1988·1
Enrico Luisoni - www.arttape.ch
(Eine ungewollte Doppelbelichtung - aus der analogen Zeit. Foto: Enrico Luisoni)


«Jim Whiting - ein irrwahnsinniger Schizo-Poet ...

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... ein Psychoquäler und noch Bürgerschreck. Ich liebe ihn heiss & bewundere seine Originalität und verstehe rein nix von seiner Technik aber ich spüre seine Astralik! & staune über die Zukunftsträchtigkeit seines Unternehmens & ahne die ganz grossen Möglichkeiten dieses Poeten: Viva Jim: Jean Tinguely - am 13. (natürlich ein Freitag).» (Text aus dem Plakat)

Und all dies an einem geruhsamen, geranienroten Sonntag 1988 im fribourgischen Neyruz. Wir, d.h. Jim Whiting, Klaus Littmann und ich, überraschen Tinguely an seinem Küchentisch beim Schreibmalen seiner chaotischen Hommage an Jim, dem späteren Plakat für dessen erste Ausstellung «Unnatural Bodies» in der Galerie Littmann. Im Fernseher über dem Chaos-Stubentisch läuft ein Formel-1-Rennen und wir lesen weiter:
«... er ist eine Kunstliebhaberqual, ein fabelhafter Alptraumfabrikant, ein Halluzionistiker und toll organisierter Katastrophaliker, ein Vernunftstorturierer, er hat die Elektronik versklavt... ».

Jeannot geniesst unsere Ahhs und Ohhs, aber er hasst das Schulterklopfen und führt uns in den ersten Stock in sein chaotisches Schlafzimmer. Schon auf der Treppe riechen wir den sagenumwobenen Rennboliden von Jim Clark, den Jeannot einmal im Jahr startet - am Geburtstag von Joe Siffert. Die Gummischläuche, als Verlängerung der Auspuffe, hängt er aus dem Fenster seines Bauernhauses. Den Geruch von Öl und Autoreifen braucht Tinguely wohl zum Maschinenträumen, und auch die rabenschwarze, wohlgeformte 750er-Kawasaki, die schräg vor seiner am Boden liegenden Matratze thront.

Jeannot wird wieder unruhig. Raus hier. Er will Jim unbedingt sein Atelier zeigen. Dort nimmt er dies und jenes in die Hand, aber nichts will ihn so recht draufbringen. Also fahren wir Formel-1-mässig nach Bulle in die Verrerie. Und wieder sucht Jeannot wie ein kleines Kind irgend etwas, um seinen Spielkumpanen zu beeindrucken. Tausend Teile liegen herum oder sind schon zu einer geschichtsträchtigen oder zukünftigen Maschine verarbeitet.

Jeannot und Jim stehen vor dem Klamauk, dem Traktor, der, wie ich mich gut erinnere, in der Skulpturenausstellung im Wenkenpark die ernsten kunsttheoretischen Reden des Bazon Brock beim Vorbeituckern, spitzbübisch lärmend, unterbrachen. Ich bin immer noch wie wild am Fotografieren und weiss nie, was als nächstes passiert. Tinguely geht hierhin und dorthin. Da kommt er mit einem grossen Tierschädel zurück, um mit ihm, ihn auf Kopfhöhe haltend, einen wie seinen eigenen Abgang beschwörenden Totentanz aufzuführen. Eine abstruse Szenerie, die mir erst später in der Dunkelkammer richtig bewusst wird, als ich den Film entwickle. Da der Film im Fotoapparat nicht richtig transportiert wurde, entstand (durch Zufall?) eine Doppelbelichtung, die, auf Papier vergrössert, ein starkes, zu dieser Zeit fast unaussprechliches Gefühl in mir auslöste: Tinguely geht bald -, und an seine Stelle tritt Jim Whiting, ein Nachfolger, ein weiterer Kommentator des Kampfes Mensch gegen Maschine.

Jeannot bleibt trotzdem unersetzlich, - er schaffte es nie, so egoistisch zu werden, wie er es einmal, im Sinne Stirners «der Einzelne und sein Eigentum», werden wollte.

Wir sitzen bei Weisswein im Büro des früheren Fabrikdirektors und philososcherzen über den Zerfall der industriellen Anlagen mit ihren absurden Maschinen und den der fragilen Maschine Mensch, ohne dass es zu einem Geschwätz ausartet. Jim räkelt sich auf einem Sofa unter einer Kitsch-Reproduktion einer Zigeuner-Schönheit, und eine vergammelte Stehlampe verbreitet, nervös flackernd, ihr schummriges Licht - in der Erinnerung muss ich mir wie im späteren Bimbotown von Jim Whiting vorgekommen sein.

© Text: Enrico Luisoni · Muttenz, 3.8.1996


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Enrico Luisoni - www.arttape.ch
Text in: Privatdruck 1996
der Offizin Basler Zeitung.
Auflage: 1900 nummerierte Ex.